Eigentlich mag ich die Formulierung der Frage nicht. Denn ich habe den Eindruck, dass die Tätigkeiten, in denen ich mich verliere, in Wirklichkeit die sind, in denen ich mich finde. Ich verliere darin nicht mich, sondern ich verliere das unproduktive Kreisen von Gedanken, Sorgen, Bewertungen und Negativität, wenn ich in einer Tätigkeit ganz aufgehe.
Auch der Begriff „Tätigkeit“ trifft es eigentlich nicht, er ist mir für solche Momente zu steril. Ich verliere und finde mich, wenn ich gute Musik höre, singe, tanze, ein fesselndes Buch lese, in einem guten Gespräch, wenn ich meinem Kind etwas vorlese und auch wenn ich bete oder meditiere. Auch draußen in der Natur, wenn ich ein Tier beobachte, in den Himmel schaue, an einem Fluss sitze und gar nichts tue, außer ins Wasser zu schauen. Am meisten wenn ich abends vom Balkon aus noch mal in die Sterne schaue. Das tue ich im Grunde, seit ich ein Teenager bin, wann immer ich nachts den freien Blick zum Himmel habe. Da erlebe ich, dass da etwas ist, das über mein kleines Ego hinaus geht. Dass ich eingebettet bin in etwas Größeres. Dass ich Teil eines Ganzen bin – und das macht mich selbst ganz und heil. Ich glaube, ich bin am meisten ich selbst, wenn ich mich gerade nicht mit mir selbst beschäftige. Es macht mich empfindsamer, aber zugleich weiß ich, dass da etwas ist, das mich auch mit all meinen oft wirren Emotionen hält und trägt.
Ich wage kaum es zu schreiben, aber es ist der Weg weg vom Ego, der zum Selbst führt. Das ist nicht esoterisch, das ist meine Wahrnehmung. Je mehr ich um mich und meine eigenen kleinen Probleme, Gedanken, Emotionen, Sorgen oder Ängste kreise, desto weniger bin ich ich selbst.
Deshalb habe ich auch aufgehört, mich ständig zu beobachten oder zu überlegen, wie ich bei anderen ankomme. (Manchmal kann das sinnvoll sein, aber meistens blockiert es mich.)
Wenn ich mich verliere, finde ich mich, aber eben nicht mich isoliert von anderen und anderem, sondern in etwas Größerem. Manchmal wünsche ich, ich hätte das schon früher gewusst.
