Gestern war ich mal wieder ein bisschen im Netz und auf Ancestry unterwegs. Schon länger habe ich eine hessische Ahnenforschungsseite im Visier – Familie Pfaff in Königstein/Taunus. Wusste vage, dass meine Urgroßmutter mütterlicherseits da her kommt und mit Mädchennamen Pfaff hieß. Weiß von ihrer Trau-Urkunde, Ancestry und Archion sei Dank, dass der Vater (also mein Ururgroßvater) Pächter oder gar Besitzer eines Kurhotels in Kronthal gewesen ist – und jetzt begegnet mir dessen Name und der Name seiner Gattin auch auf dieser hessischen Website! Schön, wenn Puzzleteile zusammenpassen. Doof allerdings, dass da zwar die Ururgroßeltern samt Beruf und Wohnorten erwähnt sind – übereinstimmend mit dem was ich bisher wusste – aber nicht deren Tochter, die eben meine Urgroßmutter wäre. Das ist eigenartig, da forsche ich weiter. Inzwischen weiß ich, es könnte da viele Gründe geben. Nicht jeder weiß alles. Vielleicht war sie adoptiert. Vielleicht war sie zwar verwandt, eine Nichte oder Cousine, aber z.B. die adoptiert, weil die leiblichen Eltern gestorben sind. Oder oder oder. Ich finde aber diese Königstein-Spur sehr interessant. Wenn alles stimmt, was ich rausgefunden habe, dann war das im 19. Jhd eine angesehene Hotelier-Familie. Besitzer des „Hotel Pfaff“, und auch Pächter (oder Eigentümer) des Kurhotels in Kronthal, direkt in unmittelbarer Nähe zu Königstein. Jedenfalls sehr spannend. Diese Seite der Familiengeschichte kannte ich noch gar nicht. Auch ging ich bisher davon aus, dass meine Vorfahren über mindestens 10 Generationen alle evangelisch waren. Dem scheint aber nicht so zu sein, die Pfaffs waren katholisch.
Wieder mal wird mir klar, was für ein Quark es ist, bei den Ahnen von so etwas wie „direkten Linien“ zu sprechen. Wir kennen das ja z.B. aus Grusel-Mystery und anderen Geschichten. Da war vor 300 Jahren dieser Ur-Ahn, von dem jemand in direkter Linie abstammt, und jetzt wird er vom Fluch des Ahnen getroffen, oder der Ahn versucht ihm etwas mitzuteilen, oder oder oder. Sowas gibt es deshalb nicht, weil jeder Mensch nicht in einer direkten Linie von einem Ur-Ahn abstammt, sondern in einem breiten Geflecht von direkten Linien von zig Urahnen. Schon Urgroßeltern haben wir jeder acht, und die Zahl verdoppelt sich in jeder Generation. Es ist im Grunde kein Stammbaum, sondern ein Geflecht verwandtschaftlicher Beziehungen. So etwas wie eine direkte Linie zu einem bestimmten Ur-Ahn ergibt sich nur, wenn man alle „Nebenäste“ konsequent kappt, also in der Familiengeschichte außen vor lässt. Zum Beispiel nur die Linie der erstgeborenen Söhne und nur jeweils über deren Väter verfolgt. Oder die der erstgeborenen Töchter über deren jeweilige Mütter. Aber auch da wird das „reine Blut“ nach oben hin immer dünner. Kurz, wenn wir dreizehn oder vierzehn Generationen zurückgehen, haben wir nicht DEN Urahn, sondern eine Masse unterschiedlicher Vorfahren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, mit denen wir irgendwie verwandt sind, und ich vermute, wenn man genau genug forscht, ist jeder mit jedem beliebigen Menschen auf der Straße um acht Ecken verwandt. Es sei denn, eine Familie versucht krampfhaft, „unter sich“ zu bleiben, bzw. Ehen werden nur innerhalb der eigenen Schicht geschlossen, wie das früher beim Adel der Fall war, oder in abgeschlossenen Dorfgemeinschaften. Dass so ein einseitiger Genpool nicht guttut, ist ja hinlänglich bekannt…
Spannend finde ich auf die Frage, ab wann man eigentlich von Verwandtschaft spricht. Ancestry erstellt im Profil jeder neu gefundenen Person im Stammbaum immer automatisch den Verwandtschaftsgrad, den jemand zum Ersteller des Stammbaums hat. Da ist dann z.B. die Frau des Ururururururgroßonkels 3. Grades väterlicherseits als solche bezeichnet. Ist das noch Verwandtschaft? Teile ich mir mit dieser Person überhaupt noch irgendein Gen?
Was mich interessiert, sind die Geschichten hinter den Namen. Über manche weiß ich viel, aber spätestens in der vierten Generation wird es dann sehr dünn. Also konzentriere ich mich hauptsächlich auf diese vier Generationen, und schon die bieten ein gesellschaftliches Panoptikum ihrer jeweiligen Zeit ab. Vom Milchbauern über den Brauereikutscher bis zum Privatier und Offizier ist alles dabei. Und gerade diese Mischung finde ich ziemlich cool.
