Selbstironie

Heute habe ich echt was Neues gelernt. Und zwar, dass nicht jeder die Fähigkeit zur Selbstironie besitzt. Gewusst habe ich das schon länger, aber nur theoretisch. Heute plumpste die Erkenntnis eine Schicht tiefer.
Es gibt Menschen, die verstehen keine Ironie. Das sollte ich jetzt einfach wie ein Mantra wiederholen. Am besten täglich.

Mein Lieblingsbeispiel ereignete sich im Alltag in meiner ehemaligen Kirchengemeinde. Damals war ich ja qua Amt im Vorstand eines Vereins. Dieser organisiert in Abständen bunte Nachmittage für seine Mitglieder. Anlässlich der Planung eines solchen ereignete sich folgender Dialog.

Vereinsvorsitzender: Möchten Sie, liebe Frau Pfarrerin, denn etwas zum Programm beitragen?
Müllerin: Ich könnte, wenn es denn gewünscht wird, ein Kapitel aus meinem Buch vortragen. Das ist zwar noch nicht fertig, aber Auszüge wären wohl durchaus brauchbar.
Vereinsvorsitzender: Es sollte aber was Lustiges und Humorvolles sein.
Müllerin guckt den Vereinsvorsitzenden ganz ernst an und sagt: Ich habe keinen Humor.
Vereinsvorsitzender, völlig konsterniert: Ich bin sicher, wenn Sie sich ein bisschen Mühe geben, könnten auch Sie lustig sein!
Müllerin beißt sich innerlich auf die Lippe, um nicht loszulachen. Schlägt die Augen nieder. Und sagt: Wirklich?

Im Predigerseminar habe ich gelernt: Verwenden Sie keine Ironie in kirchlichen Publikationen. Die Leute verstehen es nicht. Ich habe das lange nicht geglaubt. Ich habe lange gedacht, es sind nur ein paar geistig eher wenig bemittelte Menschen, die keine Ironie verstehen und anwenden können. Inzwischen habe ich verstanden: Ironie verstehen und selbstironisch sein ist offenbar keine Frage der Intelligenz. Es gibt auch unglaublich gescheite, gebildete Menschen, die das einfach nicht können. Vielleicht fehlt ihnen ein Gen. Heute tauchte in mir die Frage auf, wie diese Leute eigentlich überleben. Psychisch und Physisch.

Die Welt ist so voll von absurden, grausamen, schrecklichen und furchtbaren Dingen. Wie schafft man es ohne Ironie, sich diese Schrecken vom Leib zu halten? Ironie schafft doch Distanz. Zwischen mir und der oft grauenhaften Banalität des Alltags. Ironie bedeutet, einen kleinen Schritt aus sich heraus und neben sich zu treten und aus dieser Distanz das Absurde, Komische, Groteske wahrzunehmen – und sich darauf zu fokussieren. Ich glaube, wenn ich das nicht könnte, säße ich seit Jahren in der Klapse. Gerade als sensibler Mensch, der ich ja im Grunde bin.

Ich habe dann natürlich ein Kapitel aus meinem Buch vorgelesen. Das über den Bestatter Egon Klaftertief. Und dann noch das, in dem meine Protagonistin heillos überfordert zum ersten mal vor einer Schulklasse steht. Ich war gut drauf. Die Leute lachten.

Der Vereinsvorsitzende kam hinterher zu mir, guckte mich ernst an und sagte: Sehen Sie, wenn Sie wollen, können Sie doch lustig sein.

Ein Kommentar zu „Selbstironie

Hinterlasse eine Antwort zu Myriade Antwort abbrechen