Exit, aber wie?! – Theologiestudium und Pfarramt als Einbahnstraße

Derzeit erlebe ich nicht täglich, nicht oft, aber immer wieder, dass ehemalige Kollegen und Kolleginnen, Pfarrer, Pfarrerinnen, Vikarinnen, Vikare unterschiedlichster Landeskirchen mich kontaktieren.

Da ist eine Kollegin, die mit Burnout in der Klinik gelandet ist und Strategien für den Ausstieg aus dem Pfarrberuf sucht.

Da ist ein Vikar kurz vorm zweiten Examen, der merkt, dass irgendetwas für ihn nicht passt, auch er will raus, hat aber noch keine Alternative.

Da ist eine Kollegin, die mir anvertraut: „Ich würde ja gern aufhören, aber ich bin in meiner Familie die Hauptverdienerin und wir können es uns nicht leisten.“

Da ist eine alte Bekannte, etwa in meinem Alter, die sagt: „Ich hatte mir ja auch überlegt Pfarrerin zu werden, zum Glück habe ich es nicht getan.“

Schon im Beruf habe ich solche Stimmen gehört. Nun bedanken sich manche für meinen Blog. Es macht ihnen Mut, eigene (Ausstiegs)Gedanken zu spinnen.

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen sich mit solchen Gedanken tragen. Und wie viele weitere sie sich verbieten, weil sie schlicht und einfach Verantwortung für andere Menschen tragen: Kinder, Ehepartner.

Vielleicht habe ich auch einfach nur die falschen Freunde. Aber von den (ehemaligen) Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich mich persönlich verstehe, hadern die allermeisten mit diesem Beruf. Trotz Supervision, Psychotherapie und was man sonst so alles unternimmt, um sich irgendwie mit dem Status quo zu arrangieren. (Ich weiß, wovon ich rede.)

Ich glaube, dass sich einiges grundlegend ändern müsste. Nicht nur etwas „Berufskosmetik“, sondern viel tiefer gehend.

Zunächst einmal wäre da der Beamtenstatus. Alle denken ja, dass es unglaubliche Vorteile bietet, verbeamtet zu sein – unbestritten bietet der Beamtenstatus Vergünstigungen, von denen andere nur träumen können. Unkündbarkeit, Beihilfe, Pension, um nur einige zu nennen. Allerdings bietet er auch einen ganz entscheidenden Nachteil: Man kommt aus dem Beruf nicht heraus ohne ganz erhebliche persönliche, finanzielle und soziale Einbußen. Pfarrer arbeiten in einem Beruf, mit dem sie außerhalb der Kirche nichts anfangen können. Nach meiner Kündigung darf ich mich nicht einmal mehr Pfarrerin nennen, da die Bezeichnung Pfarrerin zumindest in Deutschland „geschützt“ ist. Eine Amtsbezeichnung, nur für Beamte oder Beamtenanwärter innerhalb der Kirche. Eigentlich Irrsinn. Jeder Schreiner bleibt Schreiner, wenn er eine Anstellung kündigt und sich selbständig macht. Wenn ich mich jetzt Pfarrerin nenne, kann ich eine Klage wegen Amtsanmaßung bekommen, obwohl ich 12 Jahre in diesem Beruf gearbeitet habe. „Freie Pfarrerin“? Gibt’s nicht. Ist, als Berufsbezeichnung, verboten (obwohl ich natürlich wenn ich als freie Theologin arbeite auch nichts andere tue).

Beamtenstatus ist sicher wunderbar, wenn man mit 28 schon weiß, dass man mit 65 immer noch dasselbe tun will. Aber wer weiß das schon? Für alle anderen ist der Beamtenstatus eine Fußfessel, die verhindert, ohne katastrophale berufliche und soziale Einbrüche einen anderen Berufsweg einzuschlagen.

Der Weg ins Pfarramt ist eine Einbahnstraße. Es beginnt, wenn man seinen Antrag auf Aufnahme auf die Anwärterliste stellt (im ersten Semester) – und ab da ist der Weg eigentlich vorgezeichnet. Mit dem Theologiestudium kann man im Grunde nichts anfangen, außer ins Pfarramt zu gehen. Mit einem theologischen Examen kann man genau zwei Dinge tun: Pfarrer werden oder Taxifahrer.

Irgendwie müsste da von Anfang an eine größere Bandbreite hinein. Zum Beispiel so: Jeder, der Theologie studiert, sollte sich ein  Nebenfach suchen, mit dem er auch außerhalb des Pfarramts etwas anfangen könnte, z.B. Psychologie, Sozialwissenschaften, ein Zweitfach, mittels dessen man im Zweifelsfall auf Lehramt umschwenken kann oder Ähnliches. Statt eines Nebenfachs könnte es auch eine vorgeschaltete Berufsausbildung sein. Jedenfalls würde ich heute jedem, der Theologie studieren will, dringend raten, sich ein zweites Standbein zu suchen. Nicht weil die Aufnahme ins Pfarramt unsicher wäre. (Zumindest in Bayern ist sie das nicht.) Sondern weil man sich auf das Pfarramt wesentlich freier einlassen kann, wenn man weiß, dass man auch wieder raus kann. Und zwar mit einer  inneren Freiheit und nicht erst, wenn bereits der Dachstuhl brennt.

Manchmal wüsste ich wirklich gern, wie viele ehemalige Kollegen und Kolleginnen den Ausstieg aus dem Pfarramt vollziehen würden, wenn sie es ohne große Einbußen könnten. Und wie viele es sich nicht trauen, weil sie um ihre Sicherheit bangen. Nach dem Motto: Es ist zwar ein Käfig, aber immerhin ein goldener.

Derzeit hält die Kirche so eine Art Anstellungsmonopol für Theologen. Andere Wege für Theologen, etwa in der Wirtschaft, sind möglich, aber die Ausnahme. Monopole sind nie gut. Wer nicht in einem Dienstverhältnis zu einem „einzig möglichen“ Arbeitgeber landen will, sollte schon in der Ausbildung gegensteuern und sich einen Plan B überlegen.

 

4 Kommentare zu „Exit, aber wie?! – Theologiestudium und Pfarramt als Einbahnstraße

  1. Sehr interessanter Beitrag! Ich bin aus einem ganz anderen Fach. Aber man zweifelt ja durchaus in jedem Fach oder Beruf einmal 😉 , weshalb ich den Rat für angehende Theologen aus deiner Perspektive wirklich sehr gut finde! Im Übrigen sind Nebenfächer wie Psychologie und Soziologie wahrscheinlich ohnehin auch inhaltlich von einem großen Mehrwert für die spätere Tätigkeit, sollte es doch das Pfarramt werden. Als beginnender Student wünschte man sich öfters solch einen Rat hinsichtlich solche Entwicklungen, die man im jungen Alter vielleicht nicht so vorhersehen mag.

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  2. Ja, leider haben unsere evangelischen Provinz- äh Landeskirchen – eine Monopolstellung.
    Und sind unfähig, möglicherweise unwillig, für ihre Führungskräfte eine nicht
    krankmachende und demotivierende Arbeitssituation zu ermöglichen.

    Ich könnte mir vorstellen – so ist es auf jeden Fall bei mir – dass etliche KollegInnen
    eigentlich nicht aus dem Pfarrberuf herauswollen, sondern von Herzen gerne
    das Evangelium verkünden und als SeelsorgerIn für die Leute da sein würden.

    Grüssle von der Bécassine,
    die mal ihren Schnabel auftut und ihrer Kollegin rüber nach Bayern winkt

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  3. So golden ist der Käfig nun auch wieder nicht. Doch das ist auf hohem Niveau geklagt.
    Das außerkirchliche Spektrum ist schmal, aber größer, als Sie es darstellen. Und auch der „Nur-Theologe“ kann in den Schuldienst.
    Sie haben es (zu) spät erkannt: Man sollte nicht auf die Kirche angewiesen sein.
    Da Sie Single zu sein scheinen: Was spricht gegen ein Zweitstudium?
    PS: Wir sprachen gerade bei Tisch über den Architekturberuf. Ganz toller Nimbus – doch für die Meisten sieht der Alltag sehr eintönig aus. Das läßt sich wohl für viele Berufe sagen, nur dass da der Nimbus nicht so glänzt. Auch Models sehen im Prospekt besser aus als bei der Arbeit.

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