
Das Bild zeigt links meine Tante Sigrid, rechts meine Großmutter Annaliese von Werder, um 1965.
Annaliese war meine Großmutter mütterlicherseits. Sie stammte aus dem kleinen Dorf Hinrichshagen (Mecklenburgische Seenplatte) und wuchs mit drei Schwestern als Tochter des Gutsbesitzers Ernst Winckelmann und seiner Frau Gertrud (geb. Lemcke) auf. Damit war sie eine Angehörige des gehobenen Bürgertums.
Die Jugend auf dem Gutshof hat sie für ihr Leben geprägt: Sie liebte Pferde und den Reitsport, Hunde, das Landleben im Allgemeinen und sie legte als Tochter eines Gutsbesitzers Wert auf tadellose Manieren.
1931 heiratete sie Hans von Werder. Wie sie diesen Mann kennengelernt hat, gehört zu den Rätseln, die ich im Rahmen meiner Ahnenforschung bisher nicht klären konnte. Feststeht, dass beide für damalige Zeiten schon ziemlich alt für eine Eheschließung waren, nämlich über 30, bzw. 41 Jahre.
Auffällig ist, dass alle vier Winckelmann-Schwestern nach „oben“ geheiratet haben. Da kam nicht nur Geld zu Geld, sondern auch Adel und hohe Militärränge zu gehobenem Bürgertum.
Annaliese und Hans von Werder hatten zwei Töchter, meine Mutter Ilse und ihre Schwester, meine Tante Sigrid. Die Familie lebte in Burg bei Magdeburg, weil Hans von Werder dort einen militärischen Leitungsposten innehatte.
Die Ehe der beiden ist, aus Sicht seiner Tochter Sigrid beschrieben, nicht besonders liebevoll, sondern eher zweckmäßig verlaufen. Nachdem Hans nicht aus dem Krieg zurückkam, stand Annaliese mit den Töchtern alleine da, als Witwe eines Wehrmachtsoffiziers in der sowjetischen Besatzungszone.
Bald wurde ihr Haus enteignet und sowjetischen Soldaten darin einquartiert. Annaliese verlor sämtliche Privilegien einer Offiziersgattin und hat sich und ihre Töchter fortan mit unterschiedlichen Hilfsjobs über Wasser gehalten, z.B. als Pillendreherin in der örtlichen Apotheke.
Im Sinne der Umerziehung zu nützlichen Bürgern des Arbeiter- und Bauernstaates DDR mussten meine Mutter und Tante natürlich zu den Jungen Pionieren und in die FDJ, und zu den häufigen Familienerzählungen gehört, wie die kleine Sigrid mit Pioniertuch und der entsprechenden Aufmachung an einem 1. Mai die rote Fahne stolz einer Maiparade voran trug und Annaliese die Hände überm Kopf zusammenschlug und fast in Ohnmacht fiel.
1961 verließ Annaliese mit ihren inzwischen erwachsenen Töchtern in einer Nacht- und Nebelaktion die DDR in Richtung Westen, wo sie zuerst bei der bereits dort lebenden Schwester Margret in Hamburg unterkamen, dann aber weiterzogen nach München.
Hier lernte die Tochter Ilse dann meinen Vater kennen, einen Franken, der in München bei Siemens arbeitete, und so kommt es, dass ich als Münchner Gewächs mit mecklenburgischem und fränkischen Genmaterial aufwuchs, mit einer Oma, die wenn sie zornig wurde in breitem Mecklenburger Platt Gott und die Welt verfluchte. Was ich zum Glück nicht verstand.
Heimisch wurde sie nie in München, und ich glaube, sie war auch oft ziemlich verbittert.
Als sie mit 91 starb, hatte sie die letzten Jahre ihres Lebens hoch dement im Altenheim am Kieferngarten verbracht. Ihr Grab ist heute noch auf dem Ostfriedhof in München.
Geerbt habe ich von ihr unter anderem ihren Siegelring mit dem von Werder-Wappen, sowie zwei Tierportraits, ein Fohlen und einen Schnauzer. Beide Tiere gab es wirklich, sie lebten auf dem Gutshof, auf dem Annaliese aufgewachsen ist.
