Der Sommer ist ein dicker Mann mit Hängebacken, ein Schweißfilm glänzt auf seinem feisten Gesicht, er trägt eine Sonnenbrille und ein zerknittertes Hemd in grellen Farben, der oberste Knopf ist abgeplatzt. Er stalkt mich seit Wochen. Er folgt mir auf Schritt und Tritt, er lacht und redet in einem fort und übertrieben laut. All meine Freundinnen und Freunde finden ihn sympathisch, sie wissen gar nicht, was ich habe, er könnte ruhig immer da sein, dieser fröhliche Geselle! Heute, auf der Heimfahrt von der Arbeit, quetscht sich der Sommer neben mich auf den leeren Platz im Bus. Ich wende mich peinlich berührt ab, schaue aus dem Fenster, wo Bäume und dürres Gras vorbeiziehen. Der Sommer beißt schmatzend in einen überreifen Pfirsich, bekleckert sich und mich und beginnt mit vollem Mund zu reden. Er prahlt mit seinen neuesten Rekordtemperaturen, den gewesenen und den noch kommenden, und mir wird ganz übel bei der Aussicht auf ein noch heißeres Wochenende. Er wischt sich Mund und Nase mit einem geblümten Taschentuch und reicht nun auch mir einen Pfirsich mit faltiger Haut. Ich fühle mich wie dieser Pfirsich: Überreif, matschig und verquollen. Ich sitze wortlos da mit diesem klebrigen Pfirsich in der Hand, den ich am liebsten aus dem Fenster werfen würde. Doch die Fenster im Bus lassen sich nicht öffnen. Ich hoffe und bete, der Sommer möge an der nächsten Haltestelle aussteigen. Doch er fährt mit bis zur Endstation. Er begleitet mich ungefragt bis vor meine Haustür. Ich stammle eine Entschuldigung, nein, leider hätte ich jetzt noch etwas vor, sehr schade, er könne nicht mit hochkommen. Das interessiert ihn nicht. Er drängt sich an mir vorbei, läuft vor mir her die Treppe hinauf, bis in meine Dachwohnung. Da macht er sich erst so richtig breit. Er fläzt sich auf mein Sofa, und ich weiß, heute Nacht steigt er wieder zu mir ins Bett, beschert mir eine weitere schlaflose Nacht.
Doch dann, am folgenden Morgen, ist er plötzlich weg.
Ich atme tief durch und öffne alle Fenster weit. Die Luft ist klar und kühl, der Himmel fast durchsichtig. Die Blätter des Ahornbaumes auf der anderen Straßenseite stehen noch in vollem Saft, doch mischt sich da nicht schon ein Hauch Gelb mit in das Grün? Auf der Bank unter dem Baum sitzt eine zierliche Dame mit silbergrauen Strähnen im rötlichen Haar. Lächelnd winkt sie zu mir herauf und erhebt sich. Ich zögere keine Sekunde, stürme die Treppe hinunter, ihr entgegen, der lieben Freundin Herbst.
Arm in Arm ziehen wir lachend los. Durch bunte Wälder, am Fluss entlang, der Stille entgegen. Endlich kann ich sein, wie ich bin. Kühl und frei.
